Besucht im November 2023
Abendessen
Bewertung: Zwei Michelin Macarons
Ji Pin Court ist das höchstbewertete von 15 Restaurants, die mir der Guide Michelin unter bestimmten Suchkriterien in Xuhui anzeigte, einem Distrikt in Shanghai. Die Beschreibung im Michelin klang verlockend, ist das Restaurant doch in einer historischen Villa im French Concession Teil von Shanghai beheimatet. Die Möglichkeit, in diesem Restaurant mit kantonesischer Küche über Chope zu reservieren, brachte mich schliesslich dazu, eine Reservierung zu tätigen.
Eine Anfrage per Email wenige Tage vorher, mir doch die Speisekarte als PDF zu schicken, blieb unbeantwortet.
Bei Ankunft am Gebäude wurden wir in den dritten Stock geleitet und konnten allein in einem Raum mit etwa 8 Tischen Platz nehmen. Seitlich befanden sich Separees, die alle besetzt zu sein schienen. Erklärung dazu, siehe “Shanghai Reisevorbereitungen“. Im Gastraum konnte man über einen grossen TV-Monitor den Köchen bei der Arbeit zusehen. Nach der Abfrage der bevorzugten Wassersorte wurden uns die Speisekarten gereicht. Neben zwei Menüs, die allerdings mindestens einen Tag vorher vorbestellt werden mussten, wurde eine umfangreiche à la Carte Auswahl angeboten: Vorspeisen, BBQ Spezialitäten, Abalone & getrocknete Meeresfrüchte, Fisch, Fleisch und Dessert. Unter den Speisen befand sich die ganze Bandbreite chinesischer Spezialitäten inklusive Haifischflossen- und Vogelnest-Gerichte. Eines der Haifischflossengerichte im ersten Menü war mit RMB 6680 bepreist, was etwa 850 Euro entspricht. Dies ist schon aus ethischen Gründen nichts für mich. Ob der überwältigenden Auswahl liessen wir uns von der nicht sehr gut Englisch sprechenden Servicekraft beraten. Der Herr wies darauf hin, dass fast jeder Gast hier das mit Honigsauce glasierte BBQ Schwein bestellt, was ich daraufhin auch tat. Das knusprige salzige Huhn sollte auch gut sein, also bestellt. Bei den Hauptgängen stöberten wir beide in einer Sektion mit Produkten, die es so in Europa wohl nicht oft gibt: Abalone (= Seeohr) & getrocknete Meeresfrüchte. Mein Dinnerpartner entschied sich für ein Gericht mit Abalone. Ich wollte Seegurke probieren. Wir bestellten noch einen alkoholfreien Hausdrink, der sich als Heissgetränk herausstellte und eine kleine Flasche 2017 Skalli Terroir Littoral Chardonnay, Frankreich.
Nun denn, in der Folge wurden etwas unkoordiniert fast gleichzeitig die verschiedenen Gerichte an den Tisch gebracht. Zuerst das Gericht mit Schwein (warm), dann das Muschelfleisch (kühl), nachfolgend das Huhn (kalt) und etwas später die Hauptgerichte unter hübschen Porzellancloches (warm). Inzwischen kümmerte sich ein sehr viel besser Englisch sprechender netter junger Mann um uns.

Dieses Huhn war alles, nur nicht knusprig. Es handelte sich hier um einen Berg fast sorgfältig von Knochen und Knorpel befreite Hühnerbrust, die oberen Stücke mit Haut, sparsam dekoriert mit einer Radieschenscheibe, zwei Erbsen, einer Blüte, einem Kräuter- oder Gewürzzweig und fünf Tupfen Sauce. Bis auf einen Bissen zum Probieren blieb dieses Gericht unberührt und wurde uns hinterher als Take Away mitgegeben. Das Hühnerfleisch war intensiv und auch ordentlich aber nicht übermässig gesalzen.

Dieses Gericht war dann definitiv ein anderer “Schnack”, wie wir Norddeutschen zu sagen pflegen. Allerbestes, sehr frisches mit wenig wirklich scharfer Wasabi-Sauce benetztes Muschelfleisch war attraktiv auf und um kühle Gurkenstäbchen drapiert. Nahm man das Muschelfleisch zusammen mit der Gurke, stellte sich eine feine Balance ein, die Schärfe wurde abgemildert. Es braucht so wenig, um Hochgenuss zu erzeugen. Ein wunderbares Gericht.
Als schon einige Gerichte auf dem Tisch standen, wurden karamellisierte Cashewnüsse an den Tisch gebracht. Diese waren gut.


Char Sui Schwein ist hier relative populär und wird in verschiedenen Varianten angeboten. Dies hier war einfach optimal. Man hatte vor der Bestellung nicht zu viel versprochen. Das Fleisch hatte einen dichten Geschmack, eine knusprige Grillkruste und Grillaromen, war ultrazart, hatte das richtige Verhältnis von Fleisch und dem Geschmacksträger Fett und war dazu noch mit einer sehr guten Sauce lackiert, die wiederum das richtige Verhältnis von Salz, herzhaft und Süsse bot. Man muss sich das als allerbeste entbeinte Spare Ribs ohne die Faszien vorstellen. Dies war eines der besten Gerichte vom Schwein, das ich je gegessen habe.

Viele werde vor einem solchen Gericht wohl zurückschrecken. Wie schmeckt Seegurke? Sie ist hier hauptsächlich – geschmacklos. Der Star auf diesem Teller, auf dem sich dazu nur noch der untere zu einer Rose geschnitzte Teil eines Pak Chois befand, war die Sauce. Aber zurück zur Seegurke: Die Seegurke ist innen hohl und hat in dieser Zubereitungsweise etwa die Konsistenz eines sehr weichen Gummibärchens. Zu dem Gericht wurde eine kleine Schüssel mit Reis gereicht, mit dem Hinweis, man möge damit die Sauce aufnehmen – also Reis statt Brot. Die Sauce war dicht, herzhaft mit maritimen Geschmacksnoten, einfach top. Noch dazu wurde ohne Nachfrage mehr von diesem Elixier in einem Kännchen an den Tisch gebracht.

Mein Dinnerpartner hatte diese relativ grosse Abalone, die gemäss seinen Aussagen auch ganz hervorragend war. Sie wurde noch von einem angedämpften Romanesco begleitet.

Nachtisch ging auch noch. Diese süsse recht flüssige intensiv nach Mango schmeckende Zubereitung hatte Sagoperlen als Einlage. Den Kontrapunkt zur Süsse setzten Teile vom Pomelofilet. Geschmacklich gut, hätte ich mir hier texturell ein bisschen mehr Bindung gewünscht. Mehr gequollener Sago hätte dafür wohl gereicht.

Ich hatte mir hier etwas mehr erwartet, aber es mir ja denken können. Die Teller vorher waren sehr reduziert angerichtet, wie ich es auch mag. Deshalb kam hier ein kleines Schälchen mit einfacher guter Panna Cotta mit Erdbeerkompott. Dies war so gut wie so etwas halt sein kann.

In China ist es üblich, zum Abschluss eines Essens einen Früchteteller an den Tisch zu bringen. Ich unkte schon rum, dass die gute Erfahrung mit für dieses Level inadäquaten Früchten getrübt werden könnte, aber weit gefehlt. Es wurden schöne, gereifte und von der Textur akzeptable Exemplare folgender Früchte serviert: Wassermelone, gelbe Melone, weisse Traube, Pflaume und frische Jujube (= chinesische Dattel).
Fazit
Wir genossen ein Abendessen mit interessanten Produkten und überwiegend sehr guten Zubereitungen. Die reduzierten Teller gefielen mir, die Qualität der Ausgangprodukte überzeugte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dem Restaurant zwei Michelin-Macarons attestieren würde. Im Vergleich zu anderen, rangiert es sicher am unteren (linken) Rand der Bandbreite. Service war etwas holprig, verbesserte sich aber im Lauf des Abends. Wert hierhin zu gehen war es allemal.
Webseite des Restaurants: keine; auf Chope: Ji Pin Court | Chope – Free Online Restaurant Reservations
Mehr Berichte von meiner Shanghai-Reise sind hier verlinkt: “Shanghai Reisevorbereitungen“












































































































